PFLEGEN
Kleindenkmale zu erhalten und auf sie aufmerksam zu machen, liegt uns am Herzen. Egal ob technische Objekte oder architektonische Kleinode – wir versuchen gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Verwaltung lohnenswerte historische Erbschaften in gutem Zustand an künftige Generationen weiterzugeben.
BÖHNISCHMAUSOLEUM
BÖHNISCHMAUSOLEUM
Es hat rund zehn Jahre gedauert, bis die Sanierung des Mausoleums für den Begründer des Kamenzer Krankenhauses vollendet war. Zur Übergabe 2012 hat unsere Vorsitzende dem großherzigen Arzt einen Brief geschrieben:

Sehr verehrter, lieber Dr. Johann Gottfried Bönisch,
als ich gestern mit meinem Mann hier am Mausoleum die letzten Vorbereitungen für die heutige Einweihungsfeier getroffen habe, kam mir in den Sinn, Ihnen einen Brief zu schreiben. Auf diese Weise möchte ich im Namen von 80 Mitgliedern des Kamenzer Geschichtsvereins Ihrem Lebenswerk unsere Hochachtung bezeigen.
Sie haben in den vergangenen zwanzig Jahren die Kamenzer Geschichtsfreunde bestens kennen gelernt. Beseitigten Mitglieder doch regelmäßig das undurchdringliche Gestrüpp um Ihre Grabstätte, damit diese sichtbar und im Bewusstsein der Einwohner blieb. Wobei Ihre Person ist niemals vergessen worden. Der Platz, wo Sie einst wohnten, trägt heute Ihren Namen ebenso wie die Schule für geistig Behinderte auf der Neschwitzer Straße – das ist dort, wo zu Ihrer Zeit noch freies Feld war. Denken Sie auch an die vielen Menschen, die zu den Veranstaltungen und Ausstellungen kamen, die wir Ihnen zu Ehren durchführten. Und geben Sie ruhig zu, dass Sie das Hexenfeuer im ehemaligen Stiftsgarten genauso genossen haben wie wir!
Natürlich konnte Ihnen nicht entgehen, dass uns die Sanierung Ihres Mausoleums Schwierigkeiten bereitet hat. Es stockte manchmal gewaltig, der Weg war steinig, es brauchte Geduld und kostete nicht nur Geld, sondern auch Nerven. Wir können es Ihnen heute ja sagen: Wir waren zweimal kurz davor aufzugeben. Das kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr?
Wie haben Sie das damals überhaupt alles geschafft? Sie waren den ganzen Tag als Arzt tätig, haben nach Feierabend Texte und sogar Bücher geschrieben, und dann noch die Finanzierung und den Bau des Krankenhauses organisiert. Ich wage gar nicht zu fragen, wie viel Zeit blieb für Ihre Frau und die Tochter, für die Verwandtschaft und Freunde. Wer waren die Vertrauten und Weggefährten, die Sie ermutigten und trösteten, wenn Ignoranz und Missgunst gegen Ihre Person und Ihr Vorhaben zu Felde zogen?
Sie kennen gewiss die vielen würdigenden Texte, die über Ihre Persönlichkeit und Leistungen geschrieben worden sind. Darin werden Sie als „Wohltäter“, „Menschfreund“, „Literaturliebhaber“, „Kosmopolit“ und „Humanist“ bezeichnet. Aber diese Worte erzählen nur ungenügend über Ihr Inneres und Ihren Charakter. Wissen Sie, was mich am meisten beeindruckt hat? Das waren Ihre Schilderungen von Patientenschicksalen. Was fühlten Sie, wenn Sie ohnmächtig dem Tod das Zepter überlassen mussten? Zum Beispiel während der Napoleonischen Kriege, als Sie in die St. Just-Kirche gerufen wurden, wo viele verwundete Militärs auf dem Steinboden lagen und dort nur ungenügend behandelt werden konnten? Oder die von Nasenkrebs entstellte Beata und der ausgezehrte Seifensieder N., die Sie Ihrem Schicksal überlassen mussten? Ganz schlimm war für Sie die Geschichte mit dem halbwüchsigen Taubstummen, der nicht hätte erfrieren dürfen, stimmts?
Ich denke, dass Ihr Glauben an Gott und Ihr Herz, das für jedes menschliche Wesen schlug, die wichtigsten Antriebskräfte waren. Aber damit allein lässt sich kein Krankenhaus bauen. Zweifellos waren Sie ein kluger Kopf mit einer Menge Erfahrung, als Sie 46-jährig mit dem Großprojekt begannen. Sie hatten als junger Feldhospitalarzt in Österreich viel zu viel Leid gesehen und später als Familienvater durch einen Brand in Bischofswerda Ihre gesamte Existenz verloren. Aber Sie waren auch rumgekommen, konnten sich bilden und reisen, kannten Städte wie Leipzig, Dresden, Wittenberg, Würzburg und das Land Österreich. Was ich Sie bezüglich Wittenberg einmal fragen wollte: Haben Sie dort nur an Ihrer Dissertation über Gebärmutterhalskrebs geschrieben oder blieb noch Zeit, den Spuren von Martin Luther zu folgen?
Mit unserem Kamenzer Pfarrerssohn Gotthold Ephraim Lessing haben Sie sich vermutlich intensiv beschäftigt. War Ihnen damals bewusst, dass Sie der Erste in Deutschland waren, der für den Dichter eine öffentliche Ehrung veranstaltete? War es gar Kalkül, um die Wertigkeit der eigenen Person hervorzuheben, was Ihnen einige Zeitgenossen vorwarfen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Es tut mir übrigens aufrichtig leid, Ihnen sagen zu müssen, dass sich die Büste, die Sie damals im Krankenhaus aufstellen ließen, nicht mehr an diesem Ort befindet. Sie musste aus Sicherheitsgründen ins Lessing-Museum verbracht werden. Grund war die Schließung des Barmherzigkeitsstiftes im Jahre 2000. Das neue Krankenhaus ist, wie so viele andere wichtige Institutionen, an den Rand unserer Stadt verlegt worden. Leider kann ich Ihnen gegenwärtig keine Auskunft darüber geben, was aus Ihrem Stift werden wird. Wären z.B. ein Mehrgenerationenhaus, eine Kindereinrichtung oder altersgerechte Wohnungen in Ihrem Sinne? Seien Sie versichert, dass wir für den Erhalt des Gebäudes eintreten werden. Wie stolz müssen Sie nach drei Jahren gewesen sein, als das „lichtdurchflutete Haus mit 48 hohen Fenstern und Ziegeldach, dessen schmucke Außenfassade sich im davorliegenden Teich spiegelte“, im Beisein einer Vielzahl von Honoratioren und hunderten Gästen eröffnet wurde. Den Teich gibt es zwar nicht mehr, aber im Inneren gelangt man immer noch über die Granittreppe in die ehemaligen Krankenzimmer. Zugegeben wir können nicht mehr genau zuordnen, wo damals das „Irrenstübchen“ und das „Leichenstübchen“ lagen und die zwei Badewannen für die anfangs 15 Patienten standen. Die zwei von Ihnen später angebauten Seitenflügel sind noch erhalten. Von dem 4.000 Quadratmeter großen Stiftsgarten ist jedoch nichts übrig geblieben. Hier wachsen weder Obst und Gemüse für die Krankenkost noch gibt es Wege, wo Genesende spazieren könnten. Ach, es wäre schön, wenn Sie uns einmal genauer vom Besuch des sächsischen Königshauses im Barmherzigkeitsstift erzählen könnten.
Auch wenn das Gebäude gegenwärtig leer steht, müssen Sie nicht traurig sein. Schauen Sie, wie schön Ihr Mausoleum farblich ausgemalt wurde. Das Dach ist dicht, die Fenster sind erneuert, ein Gitter hält Schmutzfinken fern und die Gedenktafel strahlt vorbildlich restauriert. Wenn das umliegende Wäldchen demnächst noch gärtnerisch gestaltet wird, haben Sie wieder einen freien Blick auf den Ort, wo Sie Fieber, Augenkrankheiten, Geschwüre, „Otternstich“, „Fingerwurm“, „Lustseuche“ und „Tobsucht“ kurierten. Sie nahmen alle Personen auf, die an Ihre Tür klopften. Ihre Patienten kamen nicht nur aus Kamenz, sondern der gesamten Oberlausitz, der Meißner Region und aus Brandenburg, wobei sich auch jeweils ein Franzose, Däne und Ungar sowie drei Russen bzw. Polen in den Unterlagen nachweisen lassen. Die Mehrzahl gehörte dem Stand der Dienstboten, Tagelöhner und Landarbeiter an. Was für einen Glauben man angehörte, war egal. Kein Wunder bei einem, der Lessings „Nathan“ kannte und liebte.
Was mich besonders erstaunt hat, war Ihr Ernährungsprogramm. Die Patienten erhielten fünf Mahlzeiten täglich, bestehend aus Hafergrütze, Milch, Zwieback, Fleischbrühe, Gemüse und Obst, Rind- oder Kalbfleisch, Brot und Saft. Heute würden Ihre Ansichten das Prädikat Bio tragen. Ausgenommen wäre der von Ihnen den Genesenden täglich verordnete halbe Liter Bier. Sie geben dem Getränk ein gesundheitsförderndes Zeugnis. Dagegen lässt sich gewiss nichts einwenden, aber in unserem 21. Jahrhundert wird ein solcher Alkoholgenuss etwas kritischer gesehen.
Lieber Dr. Bönisch, Ihr Gesuch an die Stadträte, in dem Sie um Ihr endgültiges „Ruheplätzchen“ gegenüber dem Krankenhaus bitten, hat mich sehr ergriffen. Mit welcher Leidenschaft Sie Mediziner waren! An der erfolgreichen Entwicklung Ihres Krankenhauses konnten Sie sich lediglich fünf Jahre erfreuen. Eine langwierige, schwere Krankheit beendete Ihr Leben mit 52 Jahren. Wir versichern Ihnen, dass wir Ihr Andenken in Zukunft bewahren und an nachfolgende Generationen weitergeben werden.
Aber am Sonntag, dem 9. September 2012, haben wir erst einmal gefeiert. Zwei etwas „krumme“ Anlässe waren der Grund. Zum einen ist es der Abschluss der Sanierungsarbeiten am Mausoleum gewesen – und zwar im 234. Jahr Ihrer Geburt. Zum anderen begeht der Kamenzer Geschichtsverein in diesem Jahr sein 20. Gründungsjubiläum.
Mit Bier von der Brauerei Lieske, Brezeln von der Schaubäckerei Kahre und Gemüse vom Kamenzer Bioladen Kambiola sowie Obst aus Kamenzer Gärten standen auf unserer Festtafel nur gesundheitsfördernde Nahrungsmittel. Was sagen Sie jetzt, Herr Bönisch?
Mit Hochachtung
Marion Kutter,
Vorsitzende des Kamenzer Geschichtsvereins
LESSING-DENKMAL IM BARMHERZIGKEITSSTIFT
LESSING-DENKMAL IM BARMHERZIGKEITSSTIFT
Das alte Kamenzer Krankenhaus ist untrennbar mit der Lessing-Verehrung seines Begründers Johann Gottfried Bönisch (1777 bis 1831) verbunden. Seit der Eröffnung des sanierten Gebäudes 2022 vermissten viele Kamenzer das Denkmal im Eingangsbereich, das durch den Mediziner zum 100. Geburtstag des Dichters aufgestellt worden war.
Der Kamenzer Geschichtsverein e.V. hat gemeinsam mit dem Kamenzer City-Management und dem Hauseigentümer, der Grundstücksgesellschaft Kamenz, eine Nachbildung des Kunst-Ensembles von 1829 in Auftrag gegeben und mit einer Informationstafel versehen. Die Einweihung fand im Rahmen des 800. Stadtjubiläums am 15. Mai 2025 statt. Hier finden Sie die Rede der Vereinsvorsitzenden:
Lessing zu Ehren – Kamenz zur Zierde
Rede zur Einweihung der Nachbildung des Lessing-Denkmals im Barmherzigkeitsstift am 15. Mai 2025 von Marion Kutter
Sehr geehrte, liebe Gäste,
stellen Sie sich vor: Sie kommen aus einem bescheidenen Elternhaus, lernen bei einem Barbier die so genannte „kleine Chirurgie“, erleben als Wundarzt zwei Schlachten, studieren und werden ein richtiger „Doktor“, lassen sich als praktizierender Arzt und Geburtshelfer nieder, heiraten und werden Vater einer Tochter. Das Leben verläuft in geordneten Bahnen, als Sie ihr gesamtes Habe durch einen Stadtbrand verlieren und mittellos in eine andere Stadt kommen – so wie 1813 Johann Gottfried Bönisch (1777 bis 1831).
Kaum hat er sich in Kamenz – übrigens unweit von hier in der Königsbrücker Vorstadt – als Mediziner etabliert, muss er während der Napoleonischen Kriege mit ansehen, wie verwundete Militärs auf dem kalten Steinboden in der St. Justkirche sterben. Und dann passiert ihm ein fataler Irrtum, in Folge dessen ein taubstummer Junge stirbt. Bönisch gelobt Gott, diese Schuld durch die Errichtung eines Krankenhauses abzutragen. Aber seine Vorschläge stoßen bei den zuständigen Behörden auf Ablehnung.
Drei Jahre später steht trotzdem in unserer Stadt ein Krankenhaus, eines der ersten in Sachsen. Bönisch ist 46 Jahre alt, als er beginnt, dafür Spenden einzuwerben und schwer krank, als sein Projekt zum größten Krankenhaus in der Region geworden ist.
Um täglich bis zu 15 Patienten versorgen, den Krankenwärter sowie die Köchin und die Bewirtschaftung des Gebäudes bezahlen zu können, musste Bönisch neben seiner beruflichen Tätigkeit ständig weitere Gelder organisieren. In den ersten vier Jahren verzeichnete er insgesamt 916 Patienten. Sie kamen aus Kamenz, der Oberlausitz, der Meißner Region und aus Brandenburg, wobei sich auch jeweils ein Franzose, Däne und zwei Ungarn sowie drei Russen bzw. Polen in den Unterlagen nachweisen lassen. Die Mehrzahl waren Dienstboten, Tagelöhner und Landarbeiter. Fieber, Augenkrankheiten und Geschwüre wurden ebenso kuriert wie „Otternstich“, „Fingerwurm“, „Lustseuche“ oder „Tobsucht“.
Die Kranken erhielten fünf Mahlzeiten täglich, bestehend aus Hafergrütze, Milch, Zwieback, Fleischbrühe, Gemüse und Obst, Rind- oder Kalbfleisch, Brot und Saft. Genesenden verordnete Bönisch einen Becher Bier, da er das Getränk als gesundheitsfördernd erachtete.
Zwei Jahre vor seinem Tod löste Bönisch ein zweites Versprechen ein: Über dem Eingang des Krankenhauses sollte ursprünglich „Lessings Stift“ stehen. Dafür gab es jedoch keine ausreichende Unterstützung, so dass eine Umbenennung erfolgte.
Bönisch organisierte deshalb 1829 eine Ehrung zum 100. Geburtstag von Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781). Dem ehemaligen Offizier namens Heinrich Adolph Schömberg (1780 bis 1852) verdanken wir einen Bericht über die zweitägigen Feierlichkeiten.
Er schreibt, dass mit Blick auf das Jubiläumsjahr ein „sehr großer Teil einer löblichen Bürgerschaft […] emsig genauere Belehrung“ gesucht hätte, um sich mit Leben und Werk des Dichters vertraut zu machen sowie „angeerbte, schiefe Ansichten“ zu berichtigen. Ein 15-köpfiges (!) Komitee, dem neben Bönisch der Bürgermeister, vier Juristen, der Direktor des Lyzeums, der erwähnte Offizier, zwei Gemeindeälteste und fünf Handwerksmeister angehörten, bereitete das Fest vor. Schömberg schreibt:
„Kaum dämmerte der Abend des 21. Jan.[uar] nieder, als lange vor dem Schlage der sechsten Stunde ein ungeheurer Zufluß von Personen aus allen Ständen und beiderlei Geschlechts die Rathaustreppe hinaufwogte.“
Nach Musik und Chorgesang trat Bönisch ans Rednerpult und erklärte, dass für ihn „Lessings-Stift und Barmherzigkeits-Stift wirklich Synonyma“ seien. Schließlich nehme sein Krankenhaus ganz im Sinne Lessings arme Menschen „ohne Unterschied des Glaubens und des Vaterlandes“ auf. Das im Geist der christlichen Religion stehende „Seyd barmherzig“ entspräche den humanen Idealen des Aufklärers, dessen „Nathan der Weise“ schon allein eines Andenkens würdig sei.
Als „achtbare Bürger und Meister“ die Büste Lessings später zum Krankenhaus trugen, begleiteten den feierlichen Zug nicht nur weißgekleidete Ehrenjungfrauen, sondern – in Erinnerung an ihren ehemaligen Schüler – die beiden Klassen der Ratslateinschule. Die „Camenzer Wochenschrift“ berichtete mit Augenzwinkern:
„Als Lessings Büste […] ins Barmherzigkeitsstift getragen […] wurde, standen einige wenige von fern und sahen missgünstig dem feierlichen Aufzuge zu. Einer derselben wurde von seiner Schwester gefragt:
SIE: Warum begleitest du nicht Lessings Büste? sprich!
ER: Ich kann’s nicht leiden, daß Er klüger war, als ich.“
Der Bronzekopf, angefertigt vom Dresdner Bildhauer Gottlob Christian Kühn (1780 bis 1828), stand bis zur Schließung des Krankenhauses 2001 in der Eingangshalle.
Da für uns das Denkmal-Ensemble ein fester, selbstverständlicher Bestandteil des Gebäudes ist, weihen wir heute eine Nachbildung ein und ehren zugleich zwei herausragende Persönlichkeiten unserer Stadt.
Ich möchte im Namen des Kamenzer Geschichtsvereins allen Beteiligten herzlich für das Zustandekommen dieser kleinen Festrunde danken. Lassen Sie uns auf die Wiedervereinigung von Lessing und Bönisch anstoßen – und auf Vernunft, Toleranz sowie auf ein gesundes Leben.
